• Skipper Martin

25. An der Nordseeküste…


14. Nachricht empfangen per E-Mail am 18. Juni, um 0615UTC:


Sehr gut sind wir diese Nacht vorangekommen. Es ist noch sehr früh in den Morgenstunden und die Sonne erhellt bereits den Horizont. Wir sind schon über das Kap herum und kurz vor der gut frequentierten Schifffahrtslinie zwischen Dover und Calais. Immer langsamer wird unsere Fahrt, die in diesem Gebiet noch immer stark von Gezeitenströmen beeinflusst wird.


Hatten wir in den letzten Stunden noch über sieben Knoten Geschwindigkeit, so sind es nun nur noch drei Knoten über Grund, Tendenz fallend. Die Tide verhindert ein schnelles Weiterkommen und dennoch halte ich Kurs gegenan. Sehr interessant ist es zu beobachten wie sich das Kardinalzeichen, das unserem Kurs zur Navigation dient, nur sehr langsam nähert. Das Seezeichen ist eine Kabellänge, also etwa 200 Meter, von uns entfernt und kommt in dieser Strömung nur sehr langsam näher. Das Wasser rauscht unter unserem Boot durch, die Maschine schnurrt wie die Stunden davor mit ausreichender Drehzahl und die Schraube läuft beharrlich gegen die Flut, und doch bewegen wir uns wie in Zeitlupe Richtung Nord. Reini und ich schließen Wetten ab, wie lange wir für die Strecke bis zu dem Seezeichen brauchen werden und schätzen mal ca. eine halbe Stunde für die nächsten 100 Meter. Der Speed ist weiter hinuntergegangen und liegt nun nur noch bei 0,2 Knoten über Grund. Noch etwas weniger Vortrieb, scherzen wir, und wir bewegen uns rückwärts.


Die Stimmung ist sehr gut an Bord und wir beobachten den regen Schiffsverkehr vor unserer Nase. Natürlich könnte man in so einer Situation auch in Ufernähe ankern, um auf den Ebbstrom zu warten, doch wir genießen das Schauspiel, das uns geboten wird. Mit etwas Geduld und viel Humor war unsere Pause recht kurzweilig, und eine Stunde später ging es auch schon wieder in die richtige Richtung.


Der Verkehr hat ab Calais deutlich zugenommen und wir fahren an der französischen Küste weiter hoch Richtung Nordost. Zuerst noch an Belgien vorbei mit Oostende und Brugge, und dann weiter zu den Niederlanden.


In Nähe des Hafens von Rotterdam ist auch richtig was los. Der Verkehr lässt uns auch immer wieder Ausweichmanöver fahren, während wir die Großschifffahrt mal ganz nah beobachten können. Weiter geht’s dann auf unserem Weg hoch über die friesischen Inseln und später bis zur Elbe und den Nord-Ostsee-Kanal. Die Nächte sind kurz geworden hier im Norden. Es wird nicht mehr ganz so dunkel wie gewohnt und das Licht der Sonne lässt auch nachts einen Schein am Horizont zurück.

Ich beobachte auch heute wieder einen dieser unglaublich schönen Sonnenuntergänge, bei denen der Feuerball groß und rot langsam im Meer verschwindet. Heute sehe ich die Sonne zum letzten Mal auf dieser Reise im Ozean verschwinden. Ich genieße den Anblick, dieses Schauspiel der Natur, und bewundere die vielen Farben, die sich in der Nordsee widerspiegeln.


Morgen fahren wir in die Elbe ein und verlassen den Atlantik, den wir in den letzten Wochen so intensiv erleben durften. Die letzte Nachtfahrt auf See, denke ich, während unser Boot gemächlich in die Dämmerung gleitet.




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