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  • Skipper Martin

11. Dritte Nachricht von der Plan-B


Nachricht empfangen über Satellit am 19. Mai, um 1115UTC:



Die ersten tausend Seemeilen


Logbucheintrag:

18MAY190021UTC, Position 26°17,8‘ N, 051°53,1‘ W; Wind NNO 12 kn; Welle 1 bis 2 m; Sicht sehr gut; 1017 hPa; 1/8 Bewölkung; Großsegel voll, Genua voll. Kurs Ost.


9. Seetag, 186 Stunden durchgehende Fahrt und die ersten 1000 Seemeilen im Kielwasser.


Ein gewaltiges Tiefdruckgebiet schiebt sich weit nördlich von uns mit Kurs über die Azoren Richtung England. Böen mit über 50 Knoten werden in diesem riesigen Wettersystem gemessen, das seine Ausläufer über viele hundert Seemeilen über den Atlantik verteilt. Auch wir kommen in den Genuss dieses Sogs und können mit gut 15 Knoten raumem Wind Richtung Osten segeln.


Geschickt führen wir den Kurs and der unteren Kante der Rossbreiten, dem unter Seefahrern gefürchteten Flautengebiet, entlang. Es ist nur ein schmaler Korridor, den uns das Wetter zurzeit zur Verfügung stellt. Im Norden die Rossbreiten und darüber starker Wind gegenan, im Süden ebenfalls Nordostwind, der einen direkten Kurs auf die Azoren verhindert. Andreas versorgt mich mit Wetterdaten und Einschätzungen. Er reagiert schnell mit neuen Berechnungen auf meine Kursänderungen und gibt sehr hilfreiche Beurteilungen. „Eine gute Wahl“, denke ich, während sich mein Blick an den Verklicker haftet.


Die letzten Stunden haben uns guten Vortrieb gebracht. Mit bis zu 8 Knoten bewegt sich unser Katamaran durch das Wasser. Nicht so schnell und elegant, wie man es von einem Multihull vielleicht gewohnt ist – aber das liegt vor allem an der Zuladung des Bootes von über einer Tonne, mit 7-köpfiger Mannschaft, Proviant, Wasser und zusätzlich über 500 Liter Diesel. So schwimmt die Plan-B nun völlig überladen, wohl eher wie ein behäbiger, dicker Fisch als ein schnittiger Zweirumpfer. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass wir mit jedem Tag leichter werden und wir schon bald unsere Trägheit verringern.


Mit jeder Seemeile Richtung Norden verändert sich auch die Temperatur. Deutlich zu spüren ist die Veränderung bereits – waren es in der Karibik letzte Woche noch knapp 30 Grad, sind es nun nur noch um die 26. Auf den Azoren nächste Woche werden es knapp 20 Grad sein. Sehr beeindruckend finde ich, wie man diese klimatischen Unterschiede so hautnah erleben kann.


Immer noch fasziniert mich der Blick auf den Atlantik. Es ist nur Wasser um uns herum, und die Kraft der Elemente ist deutlich zu spüren. Der Wind der vergangenen Stunden hat die See in ein beeindruckendes Wellenmeer verwandelt. Das Wasser rauscht an uns vorbei; es türmt sich vor uns auf, um unter unserem Boot wieder zu verschwinden. Das sanfte Wogen, dem die Natur den Rhythmus gibt, lässt mich ein wenig träumend in den Horizont verlieren.

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