3. Über die Adria – Kurs Brindisi
- Skipper Martin

- 3. Mai
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Der Morgen liegt über der Marina von Rogoznica, als wir die Leinen lösen. Es ist einer dieser frühen Momente, in denen alles still ist – bis auf das leise Brummen des Motors, der uns aus dem Hafen trägt. Die Crew ist wach, konzentriert, jeder weiß: Jetzt beginnt die große Überfahrt.

Kaum sind wir draußen, setzen wir auch schon die Segel. Der Wind steht gut und wir können gut segeln. Zuerst hart am Wind, dann einen schnellen AmWind Kurs, Richtung Vis. Die Insel zeigt sich früher als gedacht am Horizont. Doch schnell wird klar – wir verlieren Höhe, aufgrund der Abdrift etwa 20 bis 30 Grad. Aber das spielt keine Rolle. Vor uns liegt die offene Adria, und wir sind unterwegs. Am Nachmittag, später am Abend, liegt Vis querab. Wir ziehen weiter. Die Küste verschwindet langsam hinter uns, und mit ihr das letzte Gefühl von Landnähe. Die erste Nacht beginnt.Unser Blick richtet sich nach vorne – hinaus in die Dunkelheit. Wir warten auf ein Feuer. Auf das Licht von Palagruža. Diese kleine, einsame Insel mitten in der Adria ist mehr als nur ein Punkt auf der Karte. Sie ist Orientierung und unsere Navigation.
Wir segeln ohne Plotter, ohne GPS und ohne elektronische Hilfsmittel. Nur mit Seekarte, und Kompass. Das ist Teil unserer Ausbildung an diesem Meilentörn.

Mittags bestimmen wir unsere Position mit dem Sextanten. Es ist ursprüngliche Navigation – reduziert auf das Wesentliche. Jeder Blick und jede Peilung zählt.

Die Nacht zieht sich. Unsere Augen suchen den Horizont, scannen die Dunkelheit – und dann, kurz nach Mitternacht, passiert es. Ein Licht. Das Feuer von Palagruža. Klein, flackernd, aber eindeutig. Mit einer Wiederkehr von 17 Sekunden ist die Beobachtung nicht gerade einfach. Ein Moment der Erleichterung. Wir haben unseren Punkt gefunden. Meine Nachtwache beginnt. Drei Stunden halte ich Kurs direkt auf das Licht zu. Das Meer ist dunkel, der Wind konstant, das Boot läuft ruhig. Gegen drei Uhr morgens passieren wir die Insel. Ein stiller Moment – fast ehrfürchtig. Dann liegt auch Palagruža hinter uns. Die Nacht weicht langsam dem Morgen. Die Sonne geht auf, taucht das Meer in warmes Licht.

Der Wind lässt nach, zeitweise müssen wir den Motor zur Hilfe nehmen. Die See wird ruhiger, fast träge. Und irgendwo vor uns – noch unsichtbar – liegt Italien. Doch das Wetter spielt nicht ganz mit.
Wolken ziehen auf, dichter Regen setzt ein. Die Sicht wird schlecht, die Orientierung schwieriger. Wir warten auf die Bora, auf den klaren Nordostwind, der den Himmel wieder öffnet. Die Stunden vergehen und es wird Abend. Unsere zweite Nacht auf See beginnt. Dann, in der Dämmerung, tauchen erste Lichter auf. Schwach, flackernd können wir die Küste erkennen. Wir können die Lichter von Bari sehen. Orientierung mit Kompass und Karte. Wir wissen, wo wir sind. Der Wind kehrt zurück – erst zaghaft, dann kräftiger. Vier Beaufort, fünf, dann sechs Bft. In Böen sogar sieben. Wir setzen die Segel, das Boot beschleunigt. Die Valentina zeigt, was in ihr steckt. Hart AmWind, über sechs Knoten segeln wir uns von der Küste frei. Die Wellen bauen sich auf, das Schiff wird lebendiger, unruhiger – aber auch schneller. Es ist intensives Segeln gegen Wind und Welle, die mittlerweile über einen Meter Höhe gewonnen haben. Die Küste zieht an uns vorbei, die Nacht ist wieder unser Begleiter. Gegen drei Uhr früh bin ich erneut auf Wache.
Der Wind steht stabil, das Boot läuft sauber. Die Crew ist eingespielt und mit der Wache vertraut. Und dann – endlich – erkennen wir sie: Die Einfahrt von Brindisi. Das Leuchtfeuer am Wellenbrecher. Ein klares, sicheres Signal nach fast 50 Stunden auf See.

Wir segeln in den Hafen und bergen die Segel erst kurz vor der Marina. Der Wind steht noch immer kräftig mit rund 25 Knoten. Mit den ersten Sonnenstrahlen laufen wir ein, und legen schließlich mit dem Heck am Steg an. Festgemacht! Brindisi. 50 Stunden, rund 200 Seemeilen – geschafft. Die Erleichterung ist spürbar. Die Freude auch. Und die Müdigkeit sowieso. Aber vor allem: dieses tiefe, ehrliche Gefühl, gemeinsam etwas


Großes geschafft zu haben.
Der Tag im Hafen wird gefeiert. Ausgiebig. Verdient. Wir nützen die Zeit um das Boot und unsere Ausrüstung zu waschen. Und während die Sonne langsam über Brindisi untergeht, wissen wir alle:
Das nächste Abenteuer wartet schon.




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