7. Gibraltar mit Kurs Atlantik

Durch die Straße von Gibraltar – das Tor zum Atlantik
Im August ist es dann soweit, die neue Crew kommt an Bord und mit ihr beginnt eine der spannendsten Etappen unserer bisherigen Reise - von Gibraltar zu den Kanarischen Inseln.
Robert und Fuad sind bereits am Vorabend angereist und übernehmen die Proviantierung. Am Nachmittag kommt Karl dazu; damit ist unsere Crew komplett.

Valentina ist vorbereitet. Die Vorräte sind verstaut, die Ausrüstung kontrolliert und die letzten Vorbereitungen abgeschlossen. Einige Wochen zuvor hatte ich bereits mit der Planung begonnen. Ich studierte Gezeitenkarten und Strömungszeichnungen und konnte ein gutes Zeitfenster für die Passage durch die Straße von Gibraltar finden. Morgen um 05:00 Uhr werden wir auslaufen.
Wir freuen uns auf die Reise und es befindet sich eine besondere Spannung im Raum.
Denn diesmal geht es nicht einfach nur um die nächste Etappe.
Vor uns liegt die Straße von Gibraltar und damit ein Thema, das zu dieser Zeit unter Seglern allgegenwärtig ist: Orcas.
In den Marinas rund um Gibraltar gibt es kaum einen Skipper, der nicht darüber spricht. Fast jeder Zweite hat bereits von einer Begegnung zu erzählen oder kennt jemanden, der Kontakt mit den Tieren hatte. Und natürlich fährt diese Ungewissheit mit.
Am Nachmittag verabschiede ich mich noch im Office der Marina Alcaidesa und begleiche die letzten Kosten für unseren Aufenthalt. Die Dame an der Rezeption verabschiedet mich freundlich und wünscht uns viel Glück für diese Reise.
Als ich sie auf die Orcas anspreche, sagt sie nur:
„Über Orcas spricht man besser nicht.“
Ein Satz, der mir noch lange in Erinnerung bleibt.
05:00 Uhr – Leinen los
Der Wecker klingelt um vier Uhr morgens.
Es ist noch stockdunkel, doch die Crew ist schnell auf den Beinen und wir beginnen mit dem Ablegemanöver. Dichter Nebel liegt über der Marina und dem Golf von Gibraltar.
Die Sicht reicht kaum über den Bug hinaus. Selbst die Lateralzeichen der Hafenausfahrt sind nur schwer auszumachen. Ich schalte Plotter und Radar ein.
Die Nebelsignale der Großschifffahrt dringen aus der Dunkelheit zu uns.
Wir verlassen den Hafen mit äußerster Vorsicht. Langsam, konzentriert und auf Schleichfahrt tasten wir uns durch die Hafenausfahrt.
Draußen im Golf herrscht reger Verkehr. Plötzlich meldet sich Gibraltar Traffic Control über Funk. Ein Passagierschiff kreuzt unseren Kurs. Die Verkehrszentrale übernimmt die Koordination und weist uns einen sicheren Kurs.
Wir sind gerade einmal eine Stunde unterwegs. Es ist noch immer finster.
Nur gelegentlich tauchen für wenige Sekunden die Lichter eines Schiffes oder eines Seezeichens aus dem dichten Nebel auf. Der Volvo Penta läuft ruhig. Rund zweitausend Umdrehungen, etwas mehr als fünf Knoten Fahrt.
An Bord wird kaum gesprochen. Jeder konzentriert sich. Dann passiert es.
War das ein Orca?
Plötzlich hören wir hinter uns ein lautes Ausblasgeräusch.
Ein Delfin? - Wir erstarren.
Alle Blicke gehen sofort nach achtern.
Im Kielwasser sind tatsächlich drei oder vier Delfine zu erkennen.
Doch dieses Geräusch...
Es klang anders. Größer. Deutlicher.
Robert und Fuad beobachten weiterhin konzentriert das Wasser hinter uns,
als einer der Beiden meint: „Das war was Großes.“
Für einen Moment steht die Zeit still.
Ist es jetzt soweit? Sind sie da? War es ein Orca?
Ich versuche, Ruhe zu bewahren und die Situation zu relativieren.
„Das waren bestimmt nur Delfine.“
Aber auch ich kann nicht leugnen, dass mir dieser Moment nicht einerlei war.
Vielleicht waren es tatsächlich nur Delfine? Vielleicht hatten wir einfach nur Glück?
Langsam wird es hell und der Nebel weicht dem Sonnenaufgang. Es ist sehr still an Bord. Kaum ein Wort wurde in den letzten Stunden gesprochen und wir wissen, dass es noch ein sehr langer Tag wird, bevor wir uns etwas sicherer sein können. Meine Kursentscheidung ist, so knapp an Land zu fahren wie möglich.

Mit dem Sonnenaufgang verändert sich die Stimmung an Bord. Die Anspannung lässt langsam nach. Trotzdem bleibt es ungewöhnlich still.
Meine Strategie für die weitere Passage ist klar. Wir wollen so lange wie möglich in Küstennähe bleiben. Die Küste ist steil und fällt teilweise schnell ab. Gleichzeitig gilt es, die empfohlene Tiefenlinie von etwa 20 Metern möglichst einzuhalten.
Das ist bei dieser Küstenform alles andere als einfach.
Bei Tarifa kommt schließlich der Moment, an dem wir die spanische Küste verlassen.
Der Bug der Valentina dreht nach Westen.
Kurs Madeira.
Jetzt liegt der Atlantik vor uns.
Gegen Abend liegen bereits viele Seemeilen zwischen uns und Tarifa. Wir befinden uns nun in einem Seegebiet, in dem es bisher keine Orca-Interaktionen gegeben hat.
Erst jetzt beginnt die Anspannung spürbar nachzulassen.
Über 500 Seemeilen unter Segel

Was folgt, ist genau das, wofür wir aufgebrochen sind.
Guter Wind.
Ruhige See.
Und die Valentina unter Segeln.
Tag und Nacht ziehen wir unseren Kurs Richtung Madeira.
Der Motor bleibt aus.
Tatsächlich gelingt uns die gesamte Strecke von mehr als 500 Seemeilen bis nach Madeira unter Segeln.
Ein großartiges Gefühl.
Die Valentina läuft zuverlässig und zeigt, was in ihr steckt.

Unser erster Hafen ist Porto Santo, die Nachbarinsel von Madeira.
Dort müssen wir zunächst einklarieren. Wir liegen vor Anker im Vorhafen und werden mit einem kleinen Boot an Land zum Office gebracht.
Alles funktioniert unkompliziert und ruhig.
Nach Porto Santo geht es weiter nach Funchal.

Ein Hafentag gibt uns die Gelegenheit, einmal durchzuatmen, die Insel zu erkunden und die vergangenen Seemeilen Revue passieren zu lassen.
Doch lange hält es uns nicht an Land.
Von Funchal aus nehmen wir Kurs Süden.
Vor uns liegt eine dreitägige Seereise zu den Kanarischen Inseln.
Drei Tage und Nächte auf See, dann erscheint die erste Insel am Horizont: La Palma.
Ein besonderer Moment. Wir sind auf den Kanaren!

Von La Palma geht es weiter nach La Gomera, anschließend nach Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura.
Schließlich erreichen wir Lanzarote.
Es erfüllt mich mit Stolz und tiefer Dankbarkeit, das Boot und die Crew sicher auf den Kanarischen Inseln zu wissen.
Stolz darauf, mit dem eigenen Boot so weit gekommen zu sein.
Dankbarkeit dafür, dass wir gemeinsam mit so großartigen Crews all diese Meilen sicher zurücklegen konnten.
Die Valentina hat ihre Bewährungsprobe bestanden
Die Kanaren gehören seit jeher zu meinen liebsten Segelrevieren.
Nun mit der eigenen Valentina hier angekommen zu sein, ist deshalb etwas ganz Besonderes.

Das Boot hat auf dieser Reise seine Bewährungsprobe bestanden.
Von der Adria bis zu den Kanaren.
Durch die Straße von Gibraltar.
Und weiter über den Atlantik zu den Kanarischen Inseln. Weit über dreitausend Seemeilen sind nun im Kielwasser seit wir im Frühjahr in Istrien gestartet sind.
Die Valentina hat gezeigt, was in ihr steckt.
Sie wird auf Lanzarote nun für einige Wochen bleiben.
Bevor es weitergeht, steht noch einmal Arbeit an. Das Boot kommt erneut aus dem Wasser und wird gründlich überprüft und für die nächste große Herausforderung vorbereitet.
Im November geht es von den Kanarischen Inseln über den Atlantik bis nach Martinique.
Die Crew steht bereits fest. Die Vorfreude ist riesig.
Und wenn ich heute auf die Valentina schaue, weiß ich:
Die Reise von der Adria bis in die Karibik ist längst mehr als nur ein Törn.
Sie ist eine Geschichte. Ein Abenteuer.
Eine Geschichte aus Wind und Wellen, aus Freundschaft, Seemannschaft, kleinen und großen Herausforderungen und tollen Momenten.
Der Atlantik wartet und ich bin bereit für neue Abenteuer!




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